Meilenstein Funkerberg „Die erste Rundfunksendung in Deutschland" english


Die Sendestation Königs Wusterhausen

Die Funksende- und Empfangsstation Königs Wusterhausen wurde, nachdem 1911 der Standort durch Ausbreitungsuntersuchungen ausgewählt worden war, 1916 als Zentralfunkstelle des deutschen Heeres während des Krieges in Betrieb genommen. Die Station verfügte über eine eigene Stromversorgung, 2 Löschfunkensender und 2 Lichtbogensender stärkerer Leistung sowie 2 große Flächenantennen, die von 5 Stück 150 m hohen Stahlgittermasten getragen wurden.

Nach dem Ende des Krieges übernahm die der Deutschen Reichpost die Funksendestation Königs Wusterhausen. Deren Sender, ergänzt durch Sender der demobilisierten Armee, wurden als Telegraphiesender für das Inlandsfunknetz (Reichsfunknetz) eingesetzt. Im Laufe des Jahres 1919 wurde ein Presserundfunk und der Wirtschaftsfunk eingeführt, in denen telegraphisch Nachrichten von Nachrichtenbüros an eine begrenzte Anzahl von Empfangsstationen gesendete wurden.

 

Die Administration und der Funk an „Alle“

Im Ministerium der Deutschen Reichspost war der Ministerialdirektor und spätere Staatssekretär Dr. Hans Bredow für die Belange des Funks zuständig. Dr. Bredow beabsichtigte, den mit Sprache bzw. Musik modulierten Funk sowohl für den Wirtschaftsfunk (Sprache) als auch für den Unterhaltungsrundfunk anzuwenden. Er hatte, gemeinsam mit Dr. Meißner, dem Entwickler der „Meißner-Rückkopplung“, schon während des Krieges mit mobilen Röhrensendern der Armee an der Westfront Erfahrungen mit Telefonieversuchen gewonnen. Er präsentierte am 16. November 1919 vor Vertretern der nationalen Presse verschiedene Funkübertragungen in der URANIA.

Die technische Qualität der Präsentation war jedoch so unzureichend, dass die Mehrzahl der Teilnehmer der Präsentation die Möglichkeiten des Funks  für die Sendung an „Alle“ nicht erkannten. Nur der Publizist H. Dominik  erkannte ein die Chancen und berichtete sehr positiv über die neuen Möglichkeiten des Rundfunks an „Alle“.

 
Versuche der drahtlosen Telefonie in Königs Wusterhausen

Dr. Bredow beauftragte zur Lösung der technischen Probleme im Januar 1920 die Hauptfunkstelle der Reichspost in Königs Wusterhausen damit, in Zusammenarbeit mit dem Telegraphentechnischen Reichsamt (TRA) der Deutschen Reichspost Übertragungsversuche mit Sprache und Musik auszuführen. Für diese Versuche wurde u. a. ein 5 kW-Lichtbogensender der Firma Lorenz auf den Frequenzen 85,8 kHz (2700 m) während der Sendepausen des Wirtschaftsfunks genutzt.

Der Lichtbogensender war von der Firma C. Lorenz AG sowohl mit einem Zwischenkreis als auch mit einer „Punk“-Spule (Magnetverstärker) versuchsweise modernisiert worden. Mit dieser Verbesserung erreichte man bald eine brauchbare Modulation des Senders mit einem Mikrophon für Sprache und Musikinstrumente als auch für die Musikübertragung von Gramophonplatten. Die mit den Versuchen befassten technischen Mitarbeiter in Königs Wusterhausen besaßen durch ihre Freude am Musizieren gute Voraussetzungen, um die studiotechnischen Bedingungen der Aufnahmen als auch die abgestrahlte modulierte Aussendung kritisch zu bewerten und zu verbessern. Die erfolgreichen Versuche wurden im September 1920 auch Vertretern der Nachrichtenverwaltung Schwedens vorgeführt.

Der Erfolg der Versuche bestätigte sich ebenso in Empfangsberichten, die von postalischen Empfangsstationen in Deutschland – die für den Wirtschaftsfunk zuständig waren – und von ausländischen Empfangsstationen in Königs Wusterhausen eingingen. Dabei kamen auch Berichte aus bis zu  ca. 1700 km Entfernung. Berichte von anderen deutschen Teilnehmern konnten nicht erwartet werden, da das private Abhören des Funks zu dieser Zeit in Deutschland verboten war.

 

Das Weihnachtskonzert

Im Dezember 1920 waren die Versuche soweit gediehen, dass ein Instrumentalkonzert mit Geige, Cello und  Harmonium gesendet werden konnte. Ein weihnachtliches Konzert wurde über Funk für den 22. Dezember angekündigt.

Die Sendung selbst wurde angesagt mit den Worten: „Hier ist Königs Wusterhausen auf der Welle 2700 m. Zum Zeichen, dass die Station jetzt großjährig geworden ist und nicht mehr als Versuchskarnickel dienen wird …“. Das gebotene Weihnachtskonzert wurde von den Mitarbeitern in Königs Wusterhausen veranstaltet. Zu dem Konzert kamen lobende Empfangsberichte z. B. aus Luxemburg, Kiel, und  Veendam / Holland.

Dieses so genannte Weihnachtskonzert wird als Geburtsstunde des Rundfunkfunks in Deutschland betrachtet. Erstmals wurden durch die Ausstrahlung von live und von der Platte gespielter Musik, durch die Übertragung von Sprache und durch die Gestaltung eines Programmablaufes alle Merkmale einer Rundfunksendung erfüllt.

 

Die weitere Entwicklung

Nach diesem ersten „Weihnachtskonzert“ gingen die Versuche weiter. So wurden weitere Konzerte veranstaltet, die Modulation des Senders über Fernmeldeleitungen erprobt, eine Direktübertragung der Oper „Madame Butterfly“ aus Berlin durchgeführt und Reden aus dem Reichstag übertragen. Nachdem die Techniker in Königs Wusterhausen aus Teilen von ausgemusterten Löschfunken- und Röhrensendern eine eigenen, so genannten „Konzertsender“ aufgebaut hatten, konnten sie am 13.Mai 1923 mit der regelmäßigen Übertragung von Sonntagskonzerten beginnen. Diese regelmäßigen Konzerte, sonntags von 11 bis 13 Uhr, wurden von den Technikern bis zum Januar 1926 veranstaltet. 

Diese in Königs Wusterhausen durchgeführten Versuche und Konzerte haben zum einem den Nachweis für eine technische Machbarkeit des Rundfunks für die deutschen Ministerien erbracht und zum anderen das öffentliches Interesse an den Rundfunk in Deutschland gefördert.

Die Entwicklung des Rundfunks in Deutschland beinhaltete zwei Aspekte. Die eine Seite war die studio- und funktechnische Realisierung des Rundfunks, zu der die Versuche in Königs Wusterhausen beigetragen haben. Die andere Seite beinhaltet die politischen, juristischen und ökonomischen Zuständigkeiten für die Abwicklung des Rundfunkbetriebes unter den Bedingungen in Deutschland.

In Deutschland waren die Reichspost, das Reichsinnenministerium und das Kriegsministerium der Auffassung, dass der Funk stets unter staatlicher Kontrolle bleiben muss. Eine freie Vergabe von Lizenzen für den Betrieb von Funksende- und Empfangsanlagen wurde verweigert. Die politische Einführung eines Rundfunks in Deutschland wurde von Dr. Hans Bredow begleitet und weitgehend gesteuert. Unter dem Druck der Funkindustrie und anderer interessierter Kreise entstand ein System, in dem die Sendetechnik von der Reichpost betrieben wurde und die Programme durch private Gesellschaften erbracht wurden, die einer staatlichen Kontrolle unterlagen. Das gesamte System wurde mit den Gebühren der Rundfunkteilnehmer bezahlt. Mit diesem Konzept startete offiziell am 29. Oktober 1923 der Rundfunkdienst in Deutschland.

 

Die Sendestation Königs Wusterhausen heute

Das Gebäude der Sendestation Königs Wusterhausen, in dem das Weihnachtskonzert gespielt und die erste Rundfunkaussendung gesendet wurde, ist weitestgehend im Original erhalten. Das Gebäude beherbergt heute ein Museum für „Sende- und Funktechnik“, in dem die Entwicklung der Funktechnik präsentiert wird.

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Plaque citation
Königs Wusterhausen Radio Broadcast, 1920
In early 1920, in this building, technicians of the Konigs Wusterhausen radio station together with employees from the Telegraphentechnisches Reichsamt, began experiments broadcasting voice and music using an arc transmitter. By late 1920, tests had become successful enough to transmit an instrumental concert on 22 December -- the so-called Christmas concert. This transmission is regarded as the birth of statutorily regulated broadcasting in Germany.
 

References

[1] http://ieeemilestones.ethw.org/Milestones:Koenigs_Wusterhausen